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(Geo)Bombenalarm in der Lausitz – Was ist passiert?

Vor einiger Zeit gab es hier bei uns in der Gegend einen Bombenalarm, aufgrund eines Geocaches. Ein paar Fakten bzw Gedanken dazu schrieb ich damals recht zeitnah. Allerdings war da noch vieles im Unklaren, so dass ich mich auf eine interessante Informationsreise begab, von der ich nun hier berichten möchte.

Am Montag, den 26.06. wurde von einem Mitarbeiter eines Energieversorgungsunternehmens ein verdächtiger Gegenstand entdeckt. Verunsichert rief er die Polizei zur Hilfe. Aufgrund der Lage des Funds, an einer Gasleitung in direkter Nähe (unter 50m) zu einer Bahntrasse wurde der Regionalexpress Guben – Frankfurt(Oder) für mehrere Stunden gesperrt und die Polizei nahm sich des Gegenstandes an. Bald konnte Entwarnung gegeben werden und der Zugbetrieb wieder aufgenommen. Die offizielle Polizeimeldung wurde in der lokalen Presse verwurstet wiedergegeben, warf dann allerdings mehr Fragen auf, als sie beantwortete.

Da ich nicht weiss, wie lange der Artikel online einzusehen ist, hier als Screenshot von lr-online.de http://www.lr-online.de/regionen/spree-neisse/guben/Bombenalarm-wegen-praeparierter-Dose;art1051,6055554

 

So war von einer „mit Flüssigkeit gefüllten Getränkedose“ die Rede, einer „Dose für das GPS-Suchspiel Geocaching“. Nachfragen bei der Presse ergaben, dass man dort eigentlich auch keine Ahnung hatte, sondern nur den Text der offiziellen Polizeimeldung übernommen habe.

https://polizei.brandenburg.de/pressemeldung/verdaechtiger-gegenstand-loest-polizeiei/677612

 

Das Interesse der Geocacher an der Zeitungsmeldung und der oben schon mal erwähnte skeptische Beitrag auf www.geocaching-cottbus.de sorgten immerhin dafür, dass die Presse noch einmal aktiv wurde und ein paar Tage später einen erweiterten Beitrag zu dem Thema druckte.

Ein paar Tage nach dem Erscheinen der ersten Meldung und durch Nachfrage einiger Geocacher initiiert. http://www.lr-online.de/regionen/spree-neisse/guben/Geocaching-Fall-in-Guben-sorgt-fuer-Wirbel;art1051,6063229

 

So richtig zufrieden war ich mit diesem Ergebnis bzw den erhaltenen Aussagen aber nicht. So begann eine kleine Odyssee. Zuerst fragte ich direkt bei der Polizei nach, erhielt von dort aber recht rasch die Antwort, das sich Bahnanlagen prinzipiell in der Obliegenheit der Bundespolizei befänden. Anbei war ein Kontakt angegeben, an den ich mich wenden könne. Was ich tat. Die Stabsstelle für Öffentlichkeitsarbeit antwortet mir, dass die Pressemeldung durch die Polizei Brandenburg, Polizeidirektion Süd erfolgt sei und ich dort Auskunft erhalten könne. Netterweise gab man mir gleich wieder Kontaktdaten. Der Ball wurde also wieder zurück gespielt.

Zwischenzeitlich hatte ich aber eine Email der Pressestelle eben dieser Polizeidirektion Süd im Postfach und dort konnte mir geholfen werden. In dieser Mail wurden mir noch einmal die Sachen beschrieben, die auch in der Pressemitteilung standen. Allerdings um einen Satz ergänzt. Der Schreiber (wie sich später herausstellte selbst Geocacher) hatte recherchiert und vermutete, dass es sich bei dem Fundgegenstand um die Finaldose des Caches XXXXX handelt.

Diesen Cache, einen Multi, hatte ich selber noch nicht gemacht. Also hörte ich mich um und fragte hier und da bei befreundeten Vorfindern an, die bisher beschriebene Lage des Fundorts schien mir mit dem Final des vermuteten Caches nicht übereinzustimmen. Wie es so ist, ergab sich einen Tag später sogar ein breites Zeitfenster, in dem ich (mit Unterstützung eines befreundeten Cachers) mal nach Guben fuhr und das Final gesucht habe. Ziel war es, das Final zu finden und damit zu widerlegen, das die Polizei eben genau das gefunden hat. Leider waren wir erfolglos, was sich aber, ein paar Tage später, als nicht schlimm herausstellte.

Aus dem Mailkontakt mit der Pressestelle ergab sich nämlich ein persönlicher Termin in der Polizeidirektion. Und dort wurde, unter dem Mantel des „informellen Gesprächs, solange die Ermittlungen laufen“ endlich Tacheles geredet und mir sogar Bilder gezeigt, von dem, was da gefunden wurde. Und was soll ich sagen, ja, (leider!) hat man dort wirklich einen Geocache gefunden. Eine zerstörte (wahrscheinlich bei der Untersuchung durch die Polizei passiert) Getränkedose eines bekannten Energiedrinkherstellers, der Flügel verleihen soll. Am oberen Deckel war mit Hilfe einer Schraube ein Petlingverschluss befestigt, daran der Petling mit einem der üblichen „Geocache Stashnote Aufkleber“. Darauf gross und dick das Wort „Geocache“. Allerdings keine weitere Beschriftung, kein GC Code, kein Ownername, Kontaktdaten, ja nicht mal ein Logbuch lag drin.

– Symbolbild –

 

Weiterhin wurde mir die genaue Fundposition auf der Karte gezeigt. Diese war weit weg von vormals vermuteten Final des Caches XXXXX. Und mir wurde beschrieben, wie die Dose versteckt war. Sie befand sich in einer Schieber/Strassenkappe der aktiven Gasleitung. Von Seiten des Energieversorgers wird die Gasleitung in regelmässigen Abständen geprüft und bei dieser Überprüfung fiel dem Mitarbeiter nun quasi dieses Ding „vor die Füsse“, womit die Geschichte nun ihren Lauf nahm.

 

Mit diesen Informationen und der Bitte, während der laufenden polizeilichen Ermittlungen nichts zu publizieren, fuhr ich nach Hause und begann dort ein wenig zu recherchieren. Aktuell befand sich in der Nähe des Fundortes kein Cache, auch in den Archiven (bei OC und GC) war dort nichts zu finden, was irgendwie zum Fund passte. Was es gab war eine Letterbox in direkter Nähe, die Beschreibung der Stationen passte aber auch nicht zum Fund. Meine Vermutung ist, dass dort jemand einen Cache legen wollte, ihn dann aber irgendwie nicht gepublished bekommen hat. Eventuell auch wegen eines Abstandskonfliktes mit der Letterbox.

 

So vergingen jetzt die Wochen und meine Nachfragen nach dem aktuellen Ermittlungsstand bei der Pressestelle blieben unbeantwortet. Letzte Woche schrieb ich dann eine Mail, in der ich ankündigte, dass bisher Erfahrene nun doch mal in einem Blogbeitrag zusammenzufassen, woraufhin ich dann auch eine Antwort erhielt. Die polizeilichen Ermittlungen sind abgeschlossen und das Verfahren wurde an die Staatsanwaltschaft Cottbus übergeben. Dort läge nun die Entscheidung ob weitere Ermittlungen durchzuführen sind, das Verfahren eingestellt würde oder ob Anklage erhoben wird. Mir wurde das Aktenzeichen mitgeteilt und der Hinweis gegeben, dort nachzufragen. Was ich tat.

 

Die Antwort kam schnell. Das Verfahren wurde eingestellt. Das scheint wohl aufgrund mehrerer Faktoren geschehen zu sein. Was ich jetzt wiedergebe ist der rechtliche Sachverhalt, wie ich ihn als Laie glaube verstanden zu haben und stellt keinerlei Rechtsberatung dar, geschweige denn übernehme ich Garantie dafür, dass es 100% so richtig ist.

Zuerst einmal konnte kein „Täter“ ermittelt werden. Wenn es keinen Täter gibt, wen soll man da anklagen? Von einer „richtigen“ Straftat, also dem bewussten Stören des Bahnverkehrs, ist nicht auszugehen, weil dort eben keine Bombe oder ein gefährlicher Gegenstand lag, sondern eine „komische Dose“. Das ist zwar fahrlässig und, in meinen Augen auch ziemlich dumm, erfüllt aber nicht den Tatbestand des „Gefährlichen Eingriffes in den Bahn-, Schiffs- … was auch immer für Verkehr“. Der Täter verfolgte augenscheinlich mit dem Legen der Dose nicht das Ziel, den Bahnverkehr zu stören. Somit handelt es sich also auch nicht um eine Straftat und das Verfahren wurde eingestellt. Theoretisch würde zwar jetzt die Bahn, als Geschädigte (durch die Unterbrechung des Zugverkehrs) zivilrechtliche Schritte einleiten können, da aber kein Täter ermittelt werden konnte, ist davon auszugehen, dass dies nicht geschehen wird und die Sache vom Tisch ist.

 

Vom Tisch? Nicht ganz, wie ich finde. Denn was bleibt denn nun? Zuerst mal wurden wir Geocacher wieder in das beste Licht gerückt. „Geocacher? Das sind doch die Bekloppten, die Bombenattrappen an Gasleitungen neben Schienen installieren und damit total rumnerven.“ Das wird in der öffentlichen Meinung zurück bleiben. Ich kann mir auch gut vorstellen, was die (muggeligen) Reisenden zu dem Thema sagen, die an diesem Tag immense Verspätungen, Schienenersatzverkehr und was weiss ich nicht noch für Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen mussten. Von den finanziellen Kosten (Bahn, Energieversorger, Polizei und Staatsanwalt) will ich mal gar nicht anfangen, für die wir als Kunden bzw Steuerzahler gerade stehen.

Das „Benutzen“ einer aktiven Gasleitung ist nie eine gute Idee, ob nun in Bahnnähe oder nicht. Wenn das in der Nähe einer Besiedlung passiert wäre, die Folge wäre wahrscheinlich eine grossflächige Evakuierung gewesen. Und was da erst für ein Rattenschwanz dran hängt!

 

Liebe Geocacher, passt bitte beim Dosenlegen auf. Versetzt euch als Owner in die Situation eines zufälligen Muggelfinders. Ist für den (schnell und offen) ersichtlich, dass es sich beim Fund um den Teil eines weltweiten Spiels handelt oder muss er davon ausgehen, gerade einem geplanten Terroranschlag auf die Spur gekommen zu sein (auch wenn ich das Bild des ständig über uns schwebenden Terrorgespenstes ziemlich doof finde)? Nutzt Stashnotes. Und schaltet den gesunden Menschenverstand ein. So ein Mist, wie er hier passiert ist kann und sollte verhindert werden. Nicht nur wegen der drohenden personellen (im Knast gibt es keine GC Events) und finanziellen (wieviele Jahre Premium Mitgliedschaft du dir für die Schadensersatzsumme hättest kaufen können) Konsequenzen (überspitzt ausgedrückt!), auch das schönste Hobby der Welt wird mit so was in ein Licht gerückt, dass es nicht verdient hat.

1 Kommentar auf “(Geo)Bombenalarm in der Lausitz – Was ist passiert?

  1. Danke für diese interessante Recherche.

    Aber, es ist nun mal so, wie im normalen Leben. Es gibt immer die Guten und dann die Anderen. Und der Polizei und der Presse kann man hier auch keinen Vorwurf machen. Am Ende hat jeder seinen Dienst nach Vorschrift gemacht.

    So wie wir es auch getan hätten.

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